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„Ein Archiv ist keine Raritätensammlung und kein historisches Museum, sondern organischer Bestandteil behördlicher Aktenverwaltung“ (Zitat nach Dr. Erich Kittel)



Aktuelles:

Änderung: Für den Besuch im Stadtarchiv gilt ab sofort die 2G-Regelung!

Nach der aktuellen Corona-Schutzverordnung des Landes NRW vom 17.08.2021 (in der ab 24. November 2021 gültigen Fassung) ist der Besuch und die Nutzung von Kultureinrichtungen nur noch für immunisierte Personen nach der 2G-Regel möglich. Unter 2G fallen alle, die vollständig geimpft oder genesen sind. Der Nachweis der Immunisierung wird beim Betreten der Einrichtung überprüft. Bitte bringen Sie einen geeigneten Nachweis bei ihrem nächsten Besuch wird. Die sonstigen Bestimmungen (Hygiene, Abstand, medizinische Schutzmaske usw.) gelten fort.

Diese Regelung gilt bis auf Weiteres.

Nutzen Sie auch unsere digitalen Angebote (u. a. Digitalisate und Findmittel)! Anfragen werden natürlich weiterhin beantwortet.

Das Team des Stadtarchivs


Von Steinen und Menschen – der neue jüdische Friedhof an der Rintelner Straße in Lemgo - Vorträge, Ausstellung und Exkursion

Auf dem Lemgoer Stadtgebiet gibt bzw. gab es ursprünglich drei jüdische Friedhöfe. Der noch existierende ältere jüdische Friedhof am Ostertorwall, dessen jetzige Grabsteine aber aus Hohenhausen stammen, der ehemalige jüdische Friedhof in Brake, dessen Grabsteine - insoweit noch vorhanden -  aber heute als Gehwegplatten in einem privaten Garten dienen und der neue jüdische Friedhof an der Rintelner Straße, in der südöstlichen Ecke. Auf diesem Friedhof befinden sich immer noch jüdische Grabsteine.

Der Geschichte dieses Friedhofes, seiner Grabsteine und der dort beerdigten Menschen als Teil der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Lemgo geht der Vortrag des Lemgoer Stadtarchivars Marcel Oeben am Mittoch, den 17.11.2021 um 18 Uhr im Haus Wippermann (VHS - Kramerstraße 5) nach. 

Der Vortrag ist zugleich der Auftakt für die vom Stadtarchiv Lemgo und dem Arbeitskreis Stadtgeschichte (mit Unterstützung des Salomon Ludwig Steinheim Institutes) entwickelten Archivausstellung „Von Steinen und Menschen – der neue jüdische Friedhof an der Rintelner Straße in Lemgo“ anlässlich des diesjährigen Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, die ab dem 25.11.2021 bis zum 04.03.2022 im Lesesaal des Stadtarchivs (Rampendal 20a) zu sehen sein wird.

Die Ausstellung ist ab dem 25.11. zu den Öffnungszeiten des Stadtarchivs und nach Vereinbarung kostenfrei besuchbar. Führungen durch die Ausstellung finden im Ausstellungszeitraum donnerstags um 18 Uhr nach Bedarf statt. Für Schulklassen und Gruppen sind Führungen auch nach vorheriger Vereinbarung an anderen Wochentagen möglich.

Für Sonntag, 28.11.2021, ist ein Besuch in der Wanderausstellung „Synagogen in Deutschland – Eine virtuelle Rekonstruktion“ im Mindener Museum mit Führung geplant. Anschließend eine Führung auf den Spuren jüdischen Lebens in Petershagen, die uns in die dortige, noch erhaltene Landsynagoge und auf den jüdischen Friedhof führt. Anmeldungen für die Exkursion bis zum 21.11.2021. Die Höchstteilnehmerzahl ist auf 15 Personen begrenzt. Es können Fahrgemeinschaften gebildet werden; ein Bustransfer wird nicht angeboten. Die Kosten liegen voraussichtlich bei insgesamt etwa 12 Euro pro Person.

Am 20.01.2022 um 18 Uhr im Haus Wippermann bietet Annette Sommer, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Steinheim-Institut, einen Vortrag zum Thema „Jüdische Friedhöfe in Deutschland - vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert“ an, in dem Sie u. a. auf den jüdischen Friedhof in Worms (UNESCO-Weltkulturerbe) und die Arbeit des Steinheim-Institutes eingeht.

Grundsätzlich gilt: Voranmeldungen für alle Veranstaltungen (ohne Einzelbesuche in der Ausstellung) über das Stadtarchiv (stadtarchiv(at)lemgo.de oder Tel. 05261/213-413)! Die Veranstaltungen stehen unter dem Vorbehalt der Durchführbarkeit vor dem Hintergrund der Corona-Schutzauflagen. Kurzfristige Absagen sind möglich. Nach jetzigem Stand ist eine Teilnahme an den Veranstaltungen und Angeboten vor Ort nach der 3G-Regel (getestet, genesen oder geimpft) grundsätzlich möglich. Weitere, kurzfristige Auflagen oder Verschärfungen der Zugangsregeln sind möglich.


Einzige Fotoaufnahme des Glockentürmchens auf dem Friedhof Rintelner Straße entdeckt! - Fotograf/in gesucht!

Ende Juli 2021 wurden 87 Diaaufnahmen aus den Jahren 1962 und 1967 in der Tourist-Information Lemgo abgegeben. Dia Diaaufnahmen kamen anschließend in die Hände von Hartmut Walter (Verein Alt Lemgo), der sie als passionierter Sammler Lemgoer Objekte und Dokumente trotzdem treuhänderisch dem Stadtarchiv Lemgo übergab. In der kleinen Sammlung ist neben vielen bekannten und touristisch beliebten Lemgo-Motiven auch ein sehr seltenes bis vermutlich sogar einzigartiges Motiv zu sehen: das hölzerne Glockentürmchen auf dem Friedhof Rintelner Straße! Die Aufnahme entstand nach der Beschriftung am 25. März 1967.

In der Ausgabe von "Rund um die Wälle" im Februar 2016 berichtete Karl-Heinz Richter über den Wiederfund der sog. Friedhofsglocke, die "in einem hölzernen Gerüst am Verbindungsweg vom Klinkum Lemgo zur Straße Hinter dem Friedhof" ursprünglich gehangen haben soll, nach Auskunft von Konrad Maritschnigg. Abends wurde mit der Glocke die Schließung des Friedhofes eingeläutet, anschließend wurden die Zugänge noch verschlossen. Die Glocke hängt aktuell in der Vorhalle der Friedhofskapelle. Mit der Diaaufnahme gibt es jetzt erstmals wieder eine bildliche Vorstellung vom Aussehen der Holzkonstruktion. 

Leider wurden bei der Abgabe der Diaaufnahmen in der Tourist-Information nicht die Namen der Eigentümer der Aufnahmen notiert. Gerne können sich aber nun diejenigen beim Stadtarchiv melden, die Ende Juli 2021 einen Dia-Kasten abgegeben haben.


„…wir sind doch nun mal so erzogen worden und sind uns keiner Schuld bewußt…“ – Aussagen Lemgoer Schülerinnen zu den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1946

Am 30. September und 1. Oktober 1946 wurden die Urteile im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess (vor 75 Jahren) verkündet. Diesem ersten Prozess zur juristischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen folgten noch zwölf weitere Prozesse. Die damalige öffentliche Wahrnehmung in den deutschen Besatzungszonen war wohl teils durch Desinteresse, Ablehnung, oder eine Fokussierung auf die herausgehobenen Repräsentanten des NS-Systems (Hitler, Göring, Himmler, Goebbels…) geprägt, denen man die Hauptverantwortung zuschob. Den „normalen“ Deutschen traf keine individuelle Schuld…

Wie sah es dabei konkret in Lemgo aus? Lassen sich solche allgemeinen Aussagen auch für die Alte Hansestadt bestätigen? Aussagekräftige Quellen dazu fehlen weitgehend, bis auf eine kleine Ausnahme.

Am 16. Mai 1946 fragte der Direktor der Oberschule für Jungen in Lemgo (d. h. Engelbert-Kaempfer-Gymnasium) Dr. Ernst Walter (1887 – 1948) bei seinem Kollegen, dem Direktor der höheren Mädchenschule in Lemgo (später: Marianne-Weber-Gymnasium) Dr. Waldemar Schmidt (1891 – 1969) an, ob dieser ihm seine Feststellungen aus den Gesprächen mit den jungen Mädchen seiner Schule zu den Nürnberger Prozessen mitteilen könnte. Äußerer Anlass war anscheinend die Nachfrage eines britischen Besatzungsoffiziers. Walter wusste zu dem Zeitpunkt anscheinend bereits, dass Schmidt solche Gespräche geführt hatte, so dass er um die Zusendung der Informationen noch im Laufe desselben Tages bat. Tatsächlich schrieb Schmidt aber erst am nächsten Tag und schickte das Schreiben am 18.05.1946 ab. Aufgrund der knappen Zeitvorgabe fügte er erläutern hinzu: „Eine gründliche Durcharbeitung des Materials war bei der Kürze der zur Verfügung gestellten Zeit nicht möglich [unmöglich]“. Es ist also davon auszugehen, dass Direktor Schmidt noch über irgendwie geartete, schriftliche Aufzeichnungen der mündlichen Gespräche verfügte, die sich leider nicht erhalten haben bzw. deren Verbleib unbekannt ist.

Erhalten hat sich aber der Durchschlag seines maschinenschriftlichen Schreibens an Direktor Walter unter der Überschrift „Die Jugend und der Nürnberger Prozeß“ (siehe oben). In elf Punkten versucht er darin die Stimmungslage der jugendlichen Schülerinnen in Lemgo zu erfassen und zu beschreiben, als Quintessenz aus den von ihm geführten Gesprächen. Inwieweit seine eigene Sichtweise in die Aussagen eingeflossen ist, lässt sich nachträglich nicht mehr beurteilen. Der kurze Vorgang ist in der Akte Nr. 133 im Bestand T 7 im Stadtarchiv Lemgo überliefert.

 

Im Teilnachlass von Dr. Ulrich Walter, der 2021 ins Stadtarchiv Lemgo gelangte, befindet sich auch eine einseitige maschinenschriftliche Zusammenstellung unter der Überschrift „The German Youth (Antwort auf eine englische Anfrage)“. Im englischsprachigen Text bezieht sich Walter auf Gespräche mit Jungen im Alter von 16 bis 21 Jahren, von denen ein Teil noch immer zur Schule gehe. Soweit als möglich, seien die Bemerkungen der Jungen wortwörtlich zitiert. Es ist also stark zu vermuten, dass hier eine vergleichbare Zusammenstellung von Schülermeinungen vorliegt, diesmal wohl am Jungen-Gymnasium und auch auf eine Anfrage der britischen Besatzungsmacht hin. Ein möglicher Aktenzusammenhang fehlt hier.

Die nachfolgenden sechs Aussagen des Textes beziehen sich aber nicht auf die Nürnberger Prozesse, sondern auf die grundsätzliche und allgemeine politische Einstellung der Jugend zu Demokratie, Besatzungsmächte und Nationalsozialismus.

Beide Zeitdokumente zeigen eine Lemgoer Jugend, die noch schwankend zwischen Diktatur und Demokratie steht, deren bisheriges Weltbild zutiefst erschüttert bzw. zerstört ist und die den Ideen und Wertvorstellungen der Besatzungsmächte skeptisch und desillusioniert gegenüber stehen.


Im Zweifel ist es ein "W" Online-Paläographie-Kurs in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Lemgo

Paläographie (griechisch) meint die Lehre von den alten Schriften und ihrer Entwicklung. Wer sich mit der Vergangenheit oder der eigenen Familiengeschichte befasst, wird irgendwann mit handschriftlichen Dokumenten in "Deutscher Schrift" bzw. "Sütterlin" konfrontiert, die für das ungeübte Auge schwer oder gar nicht zu lesen sind (z. B. Feldpostbriefe, Kirchenbücher).
Ziel des Kurses ist es, eine praxisorientierte Lesefertigkeit zu vermitteln. Für die Leseübungen werden Schriftbeispiele aus den Beständen des Stadtarchivs verwendet. Der zeitliche Schwerpunkt liegt dabei auf dem 19. und 20. Jhd. Auf Wunsch der Teilnehmenden können auch andere Zeiträume behandelt werden. Der Kurs richtet sich an historisch Interessierte, Familien- und Heimatforscher und auch an Studierende der Geschichtswissenschaft, die sich mit handschriftlichen Archivquellen der Neuzeit befassen wollen oder müssen. Vorkenntnisse sind hilfreich, aber nicht erforderlich.

Der Kurs findet in Präsenz (2 Termine) und in Online-Veranstaltungen (Webinaren) statt. Bei der Auftaktveranstaltung gibt es eine Einführung in die Handhabung der Web-Anwendung (Installation nicht erforderlich). Bei den fünf Online-Terminen ist ein digitaler Austausch mit dem Dozenten über die Web-Anwendung möglich.

Auftaktveranstaltung am Do., 23.09.2021, um 18 Uhr, im Stadtarchiv Lemgo (Rampendal 20a) [Ort kann sich nach Größe der Teilnehmerzahl und möglicher Corona-Auflagen noch ändern]

Abschlussveranstaltung am Do., 09.12.2021, um 18 Uhr im Stadtarchiv Lemgo (Rampendal 20a) [Ort kann sich nach Größe der Teilnehmerzahl und möglicher Corona-Auflagen noch ändern]

Online-Termine: 30.09., 14.10., 28.10., 11.11., 25.11.2021 Digitale Treffen über die Webinar Plattform, jeweils donnerstags, um 18 Uhr.

Anmeldung über die VHS Detmold-Lemgo noch bis Montag (Kurs L1430)!


Ein digitales Häuserbuch für Lemgo - Vortrag zu Idee und Möglichkeiten eines (digitalen) Mitmachprojektes am Tag des offenen Denkmals (12.09.2021)

Bereits 2017 schlugen Roland Linde und Fred Kaspar „Ein Häuserbuch für Detmold“ in digitaler Form vor. Diesem Ansatz würden wir in Lemgo auch gerne verwirklichen. Ziel ist die Erfassung aller Hausstätten in der historischen Altstadt Lemgos bis mindestens 1890. Anhand der überlieferten Archivquellen sollen Angaben zur Besitzerfolge, Baugeschichte, prominenten Bewohnern sowie Literatur und historischen Fotoaufnahmen erfolgen. Hier können sich ehrenamtliche Kräfte engagieren, die sich für die Geschichte Lemgos, seiner Gebäude und ihrer Eigentümer interessieren. Insbesondere für Familienforscher/Genealogen kann sich hier ein reizvolles Betätigungsfeld ergeben. Der Historiker und Verfasser der bisher zweibändigen, neuen Lemgoer Stadtgeschichte Roland Linde und der Lemgoer Stadtarchivar Marcel Oeben stellen das Projekt, seine Quellen und die Mitmachmöglichkeiten vor. Vorkenntnisse für eine mögliche Teilnahme am Projekt sind nicht erforderlich.

Weitere Informationen zum Projekt im Archivamtblog des westfälischen Archivamtes in Münster.

Termin: 12.09.2021 

Uhrzeit: Beginn um 16 Uhr. Im Anschluss Zeit für Rückfragen und Gespräche.

Ort: Stadtarchiv Lemgo, Rampendal 20a (hinter der Sparkasse)

Es besteht die Gelegenheit zum Erwerb der Veröffentlichung "Lemgo in der Zeit der Hanse" (Band 1 der Stadtgeschichte) und der aktuellen Veröffentlichung "Lemgo auf dem Weg in die Moderne" (Band 2 der Stadtgeschichte). Verkauf durch den Verein Alt Lemgo e. V.

Die Veranstaltung erfolgt nach der 3G-Regel, d. h. alle Teilnehmenden müssen den Nachweis über eine abgeschlossene Impfung, Genesung oder Testung vorzeigen.


Vor 170 Jahren – 01.09.1851 Gründung einer jüdischen Schule in Lemgo

Am 1. September 1851 eröffnete in Lemgo erstmals eine jüdische Schule. Die Räumlichkeiten, in denen sich diese Schule in den ersten Jahren befand ist unklar. Man könnte durchaus vermuten, dass das sog. Lenzbergsche Haus (Papenstraße 12, siehe Foto), in dem ein Raum für die jüdischen Gottesdienste genutzt wurde, auch für den Unterricht verwendet worden sein könnte. Ab 1869 wurde jedenfalls ein Raum im sog. Waisenhaus genutzt (siehe Foto), in dem auch die katholische Schule, die Bürgerschule und die Fortbildungsschule bereits untergebracht waren. Das Gebäude verfiel allerdings zusehends, so dass es 1907 geräumt wurde und die jüdischen Schüler im Haus des Sattlermeisters Adolf Schröder (Mittelstraße 24/26, siehe Foto) unterkamen.

Bereits 1808 war die erste jüdische Schule des Fürstentums Lippe in Detmold gegründet worden. Die rechtlichen Grundlagen wurden durch eine landesherrliche Verordnung von 1845 geschaffen, die festlegte, dass auch die Untertanen jüdischen Glaubens in Ermangelung eigener jüdischer Lehrer dem allgemeinen Schulzwange unterworfen waren und die örtlichen Volks- bzw. Bürgerschulen besuchen mussten. Lediglich vom christlichen Religionsunterricht waren sie befreit. Hierfür durften sie also jüdische Religionsschulen besuchen. Deren Lehrer mussten von den jüdischen Gemeinden angestellt und bezahlt werden.

Mit dem lippischen Volksschulgesetz vom 15. 12. 1849 wurde diese Regelung bestätigt und auch die Möglichkeit eingeräumt, an den jüdischen Schulen Elementarunterricht wie an den Volksschulen zu erteilen. Damit waren die jüdischen Schulen als Privatschulen der örtlichen Gemeinden etabliert. Daraus ergaben sich natürlich Schwierigkeiten, wenn die Gemeinden nicht den Willen oder die notwendigen Mittel zur Finanzierung eines Lehrers aufbrachten. So kam es in Lemgo immer wieder zu Vakanzen der Lehrerstelle in der jüdischen Schule, da diese häufiger auf eine bessere Stelle wechselten und zunächst keine Nachfolger gefunden wurden. Teilweise waren auch Eltern bemüht, ihrem Nachwuchs die breiteren Bildungsmöglichkeiten der „christlichen“ Regelschule (v.a. das Gymnasium) zu eröffnen und vom jüdischen Religionsunterricht befreien zu lassen, der von ihnen als Belastung für ihre Kinder empfunden wurde (u. a. auch die Familie Josef Lenzberg in Lemgo). Trotz aller Widrigkeiten hielt die jüdische Gemeinde in Lemgo aber an „ihrer“ Schule fest, auch wenn diese nach dem Ersten Weltkrieg als Elementarschule nicht fortgeführt wurde. Bis 1938 gab es in Lippe nur noch zwei jüdische Religionslehrer, die sich als eine Art Wanderlehrer um die Religionsunterweisung in den Gemeinden kümmerten. Nach der Verweisung der jüdischen Kinder von den öffentlichen Schulen durch die Nationalsozialisten 1939 wurden sie in einer jüdischen Schule in Detmold bis zu ihrer Auflösung Ende Juni 1942 zusammengefasst. An dieser Schule wurde auch noch Karla Raveh aus Lemgo unterrichtet.

Die kurze Geschichte der jüdischen Schule in Lemgo steht im Spannungsfeld zwischen dem Bewahren der jüdischen Glaubenstradition und der Öffnung zur christlichen Mehrheitsgesellschaft mit ihren gesellschaftlichen Aufstiegschancen, nachdem das lippische Emanzipationsgesetz von 1858 den Juden dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten wie ihren christlichen Nachbarn gewährt hatte.


Knappe Mehrheit rettete das Lemgoer Ballhaus vor dem Abriss – eine Abstimmung 1910

Seit April diesen Jahres läuft die Sanierung des Lemgoer Ballhauses (die LLZ berichtete am 29.07.2021). Dass das städtische Ballhaus (erbaut 1608/09) heute noch steht, ist einer äußerst knappen Abstimmung der Lemgoer Stadtverordneten im Mai 1910 zu verdanken.

Der Lemgoer Oberbürgermeister Ernst Höland wies bereits in einer Art Regierungserklärung in der ersten Stadtverordnetensitzung des Jahres 1908 darauf hin, dass die damaligen Räume der städtischen Sparkasse ungenügend seien und man Abhilfe schaffen müssen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Geschäftsräume der Sparkasse im Ballhaus. Das Lemgoer Rathaus war teilweise noch durch das fürstliche Amtsgericht Lemgo blockiert. Offensichtlich brachte der Zuwachs an Aufgaben und Personal für die Stadtverwaltung um die Jahrhundertwende auch Raumprobleme mit sich…

Im Mai 1909 diskutierten die Stadtverordneten dann über den Vorschlag des Lemgoer Magistrates, das sog. Böger’sche Haus (Kramerstraße 4, spätgotischer Fachwerkbau) abzureißen und an seine Stelle einen Sparkassenneubau zu errichten. Der Stadtverordnete und Bankier Max Lenzberg sprach sich dagegen für eine größere Lösung aus, die auch den Abriss des Ballhauses vorsah, um mehr Baufläche zu gewinnen. Aus dem Bericht in der Lippischen Post über die Sitzung geht hervor, dass er diesen Vorschlag bereits früher geäußert hatte, aber sich Widerstand in der Bevölkerung regte, so dass der Magistrat die kleine Lösung vorschlug. Nach Auffassung des Magistrats würde durch den Auszug der Sparkasse aus dem Ballhaus dort genügend Bürofläche für andere Zweige der Kommunalverwaltung entstehen, so dass der Abriss des Ballhauses nicht zwingend war. Zur Entscheidungsfindung wurde aus der Mitte der Stadtverordneten eine Kommission gebildet, was den damaligen Gepflogenheiten entsprach und in etwa den heutigen Ausschussgremien des Rates vergleichbar ist.

In der Kommission konnte man aber zu keiner einvernehmlichen Lösung gelangen, so dass man sich in der Stadtverordnetensitzung am 9. Mai 1910 zu einer namentlichen Abstimmung entschloss. Nach der Sitzungsniederschrift sei die Kommission für den Abriss des Ballhauses und eines kompletten Verwaltungsneubaus gewesen. Bei der Abstimmung zeigte sich aber, dass trotzdem einzelne Mitglieder der Kommission gegen den Vorschlag des Abrisses stimmten. Vermutlich war also auch die Kommission nicht ganz einig. Der Vorschlag zum Abriss des Ballhauses wurde mit 11 zu 10 Stimmen abgelehnt. Die Alternative (Abriss des Bögerschen Hauses und dort Errichtung der Sparkasse) wurde mit 11 zu 10 Stimmen ebenfalls abgelehnt. Es entstand also eine Pattsituation.

Im Vorfeld der Entscheidung veröffentlichte die Lippische Post den anonymen Kommentar eines „Freundes der Heimat“, der die Stadtverordneten ermahnte, für den Sparkassenneubau einen Wettbewerb auszuschreiben, um einen den ästhetischen Ansprüchen genügenden Bau für den architektonisch und historisch wertvollen Marktplatz zu erhalten. Gegen den Abriss des Ballhauses wandte sich der Verfasser aber nicht direkt und erwähnte es auch nicht.

Im April 1912 wurden dann schließlich 50.000 Mark für einen Sparkassenneubau anstelle des Bögerschen Hauses beschlossen. 1913 konnte der Neubau fertiggestellt werden. 1956 wurde das sog. Steinbickersche Haus am Markt (Markt 4, 1900 im neugotischen Stil errichtet) überbaut, um ein Geschoss verringert und als Nebenflügel in den Sparkassenbau integriert. Das gesamte Bauensemble wurde 1981 abgerissen.

Der heutige Standort der Sparkasse Lemgo wurde ursprünglich nur für die Kreissparkasse Lemgo genutzt.


Wilhelm Steinbach (1902 – 1943) als „Zigeuner“ verfolgt und in Auschwitz ermordet - ein bisher unbekanntes Lemgoer Opfer

Der 2. August ist der internationale Tag des Gedenkens an die rund 500.000 von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma. Am 2. August 1944 ermordete die SS im Zuge der Auflösung des so genannten „Zigeunerlagers“ im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau die letzten noch lebenden rund 3.000 Sinti und Roma in den Gaskammern. Sie gehörten zu den ca. 23.000 Sinti und Roma, die aufgrund des „Auschwitz-Erlasses“ des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler vom 16. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert worden waren (Quelle: Deutscher Bundestag). Die Deportationen der Sinti und Roma begannen Ende Februar 1943.

Im Konzentrationslager Ausschwitz starb auch Wilhelm Steinbach. Sein Schicksal war bisher unbekannt, keine Inschrift oder Stolperstein erinnert an ihn. Geboren wurde er am 6. Februar 1902 im nordhessischen Dodenhausen im Kreis Frankenberg a. d. Eder. Seine Eltern waren der Künstler Johann Steinbach und die Pauline Steinbach, geb. Justheim, aus der Gegend von Nordhausen in Thüringen stammend. Aus den Personenstandsurkunden geht natürlich nicht hervor, wie sich sein weiterer Lebensweg entwickelte, bis er nach Lemgo kam. Wir wissen lediglich, dass er 1932 von Herford (Hellerweg 5) nach Lemgo zog und dort zunächst in der Heustraße 39 und ab Februar 1933 in der Heustraße 31 bei der Witwe Frieda Paula Klaasen, geb. Wagner wohnte. Ihr erster Mann (der Händler Johann Klaasen) war bereits am 3. Mai 1930 in Lemgo verstorben. Sie selbst wurde am 8. Juni 1893 in Vlotho geboren. Ob es zwischen den Beiden bereits vor 1932 eine Verbindung gab, ist unklar. Jedenfalls heirateten sie am 8. April 1933 in Lemgo. Aus dieser Ehe scheinen keine Kinder hervorgegangen zu sein. In der standesamtlichen Eheschließungsurkunde gibt Wilhelm Steinbach „Musiker“ als Beruf an, was vermutlich in Richtung eines Straßenmusikers deutet. Möglicherweise war sein Vater als Künstler auch Musiker, In diesem Beruf scheint er jedoch in Lemgo nicht länger gearbeitet zu haben, sondern als Händler im Wandergewerbe. Denkbar ist, dass er diese Gewerbe über seine Ehefrau In Lemgo bzw. über deren verstorbenen Ehemann übernahm. In einem Nachweis der erteilten Genehmigungen zum Wandergewerbe in Lemgo gab er an, dass er mit Kram- und Kurzwaren, Spitzen und der Reparatur von Schirmen handelte. Seine Frau ist gleichfalls mit einem eigenständigen Gewerbe aufgeführt. Im Gegensatz zu seiner Frau war er aber anscheinend beim Umsatz deutlich weniger erfolgreich als sie. Eine Erkrankung ist nicht auszuschließen, da er bei den besonderen Merkmalen mit „beschwerlicher Sprache“ „krank aussehend“ oder „bleiche Gesichtsfarbe“ bezeichnet wurde. 1940, 1941 und 1942 wurden Wilhelm und Frieda Steinbach in der Liste der Wandergewerbekonzessionen nicht mehr direkt untereinander aufgeführt, sondern deutlich getrennt. 1943 ist dann nur noch seine Frau genannt. Es könnte zu einer Erkrankung bei Wilhelm Steinbach gekommen sein, die in arbeitsunfähig machte oder, die Ehegatten gingen bereits getrennte Wege. Im Januar 1943 wurde die Ehe vor dem Landgericht Detmold geschieden. Zu der Zeit befand er sich nach Angabe des Gerichtes im Landeskrankenhaus in Detmold. Frieda Steinbach sollte 1944 noch ein drittes Mal in Lemgo heiraten.

Der vermutlich noch wichtigere Einschnitt im Leben Wilhelm Steinbachs, ohne dass er dies vermutlich ahnen konnte, war sein Antrag auf Erteilung eines Wandergewerbescheines 1939 an den Lemgoer Bürgermeister als Ortspolizeibehörde. Hier schaltete sich nämlich der Steuerinspektor des Finanzamtes Lemgo mit einer Stellungnahm ein, in der er „erhebliche steuerliche Bedenken“ äußerte und Steinbach „der Zigeunerrasse“ zuordnete. Er dürfe deswegen nicht zum Wandergewerbe zugelassen werden und es sollten „eingehende Erhebungen“ angestellt werden. Außerdem unterstellte er ihm, wohl aufgrund des geringen Jahresverdienstes, „dunkle Geschäfte“ zu betreiben und seine Frau würde auf Ehescheidung klagen, weil er sie nicht ernähren würde, also den Unterhalt vorenthielte. Damit war Steinbach letztlich diskreditiert. Darin mag auch der Grundstein für seine spätere Verfolgung liegen. Erstaunlicherweise war er trotzdem noch bis 1942 im Wandergewerbe tätig. Der Wandergewerbeschein für 1941 ist in der Akte enthalten. Entweder hat er ihn gar nicht abgeholt oder wieder zurückgegeben. Aus der Einwohnermeldekarte geht hervor, dass Steinbach ab dem 20. Februar 1943 bei der Stiftung Eben-Ezer gemeldet war. Dorthin wird er vermutlich nach dem Aufenthalt im Landeskrankenhaus gelangt sein, wobei dieser Aufenthalt auf der Karte nicht vermerkt ist. Die letzten beiden Meldeeinträge beziehen sich darauf, dass er am 1. März 1943 ins „Zigeunerlager“ nach Auschwitz (Oberschlesien) deportiert wurde. Das auf der Karte angegebene Todesjahr 1942 ist der nachträglichen Sterbebeurkunde im Sonderstandesamt Arolsen aus dem Jahr 1955 entnommen worden, ist aber offensichtlich falsch. Das tatsächliche Sterbedatum ist der 25. März 1943. Als Todesursache wird ein durch Diabetes bedingtes Koma genannt. Diabetes könnte durchaus den schlechten Gesundheitszustand Steinbachs erklären. Die Todesursachen in den Sterbebüchern der Konzentrationslager, soweit noch vorhanden, sind allerdings nicht unbedingt zuverlässig. Letztlich wird er an den katastrophalen Lagerbedingungen nur knapp drei Wochen nach seiner Ankunft am 5. März 1943 verstorben sein. Sein Tod wurde in Kauf genommen bzw. bewusst in Kauf genommen (Stichwort: Vernichtung durch Arbeit). Im August 1943 wurde durch öffentliche Bekanntmachung im Reichs- und Staatsanzeiger sein gesamtes Vermögen – wie hoch es auch immer noch gewesen sein mag – zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen und ermöglichte so die Fortführung des Krieges, in dessen Schatten die Ermordung von Millionen Menschen aufgrund nationalsozialistischer und rassistischer Ideologie überhaupt erst möglich war.


Ihrer Zeit voraus - Neue Veröffentlichung des MWG zu Marianne Weber

Im vergangenen Jahr (2020) wäre Marianne Weber, geb. Schnitger, 150 Jahre alt geworden, geboren am 2. August 1870 in Oerlinghausen. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten die ursprünglich für 2020 geplanten Ehrungen abgesagt werden und die Lehrerin am Marianne-Weber-Gymnasium in Lemgo Romy Brüggemann suchte nach Alternativen. Das Ergebnis dieser Suche wurde jetzt als Buch "Ihrer Zeit voraus. Marianne Weber im Blick unserer Schule" im Verlag e-enterprise veröffentlicht. Erstmals begeben sich darin auch Schüler*innen des MWG auf die Suche nach der Namensgeberin ihrer Schule (auch im Stadtarchiv), schrieben fiktive Briefe, verfassten Gedichte, zeichneten Comics, produzierten Videos, wirkten an einer Radiosendung mit und führten Interviews. Nicht zuletzt setzten sie sich mit Fragen der Gleichberechtigung und der Frauenbwegung auseinander. Herausgekommen ist in erster Linie keine historische Abhandlung zu Marianne Weber, aber eine aktuelle Auseinandersetzung mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Wirken bis in die Gegenwart.

Aus dem inzwischen aufgelösten Marianne-Weber-Institut in Oerlinghausen konnte das Stadtarchiv Lemgo auch einen interessanten Original-Brief aus dem Jahr 1875 übernehmen. In diesem Jahr lebte Marianne Schnitger, nach dem Tode ihrer Mutter, bereits bei ihrer Großmutter und Tante Flora in Lemgo, da ihr Vater Eduard Schnitger sich krankheitsbedingt nicht um sie kümmern konnte. Eine Transkription des handschriftlichen Briefes ist im neuen Buch zu finden oder auch hier:

"Liebe Flora!
Die Kleine hat sich gewiß schon in ihrer neuen Heimath eingelebt und ihren Papa, der so häufig an sie denkt, halb und halb vergessen. - Kinder sind gewöhnlich keine Grübler; sie gewöhnen sich bald, und
die Vergangenheit entschwindet bald ihres Sinnen und Denken. Es mag ja auch was für sich haben! Sonstige Sorgen mache ich mir um sie nicht, da ich weiß, daß sie in den besten Händen ist. Der Mutter bin ich
für ihre große Mühe, der sie sich meinetwegen unterzogen hat, sehr dankbar. Da ich die Sachen mir nachgesehen habe, so ist es mir dagegen liebgewesen, daß ihre ordnende Hand einmal durch mein
kleines Hauswesen durchgegangen ist. Hoffentlich wird ihr die Überanstrengung keinen dauernden Schaden bringen und Eure gemeinschaftliche Pflege ihre angegriffene Gesundheit wieder kräftigen
und stärken.
Küsse mein liebes Kind von mir, sage ihr, daß ich sie bald einmal besuchen würde, und seid herzlich gegrüßt von Eurem Bruder Ed[uard].

N[ach].S[atz]. Kommode und Wanne kommen mit dem nächsten Fuhrmann; leider höre ich, daß sich nur Ende dieser Woche keine Gelegenheit bieten wird. Dr. S[chnitger]."

Die restlichen Unterlagen und Aufzeichnungen des Marianne-Weber-Institutes sind jetzt im Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel. Der Hauptteil ihres persönlichen Nachlasses befindet sich allerdings in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Im Stadtarchiv Lemgo haben wir mit diesem Brief erstmals ein Privatdokument aus ihrem engsten Familienkreis. Ansonsten ist fast nichts zu ihr im Stadtarchiv vorhanden, lediglich einzelne Hinweise in amtlichen Unterlagen zu ihrer Großmutter und Tante.

Die Überlieferung des Marianne-Weber-Gymnasiums bis zu den ersten Ursprüngen im 19. Jhd. ist allerdings im Stadtarchiv vorhanden und könnten für eine Auseinandersetzung mit der örtlichen Schulgeschichte und der höheren Mädchenbildung durchaus noch genutzt werden. Vielleicht ein Ansporn für Lehrer*innen und Schüler*innen des MWG...


Scheiterhaufen im "Kampf gegen Schund und Schmutz" - Bücherverbrennung in Lemgo 1953

"Aus Protest und zur Abwehr der Zersetzungsmächte gewissenloser Geschäftemacher, die unsere junge Generation mit ihren zweifelhaften und unsittlichen Druckerzeugnissen vergiften, werden von der Jugend heute, Sonnabend, 20 Uhr, vor der Jugendherberge in Lemgo Schund- und Schmutzhefte in einer Kundgebung verbrannt." (Lippische Rundschau, 31.10.1953)

Mit dem Thema Bücherverbrennung verbindet man zumeist die Zeit das Nationalsozialismus, insbesondere die "Aktion wider den undeutschen Geist" am 10. Mai 1933, die in vielen deutschen Städten stattfand. Diese Art der öffentlichen und demonstrativen Zerstörung literarischer Erzeugnisse hat jedoch eine lange Tradition, die in die Zeit vor 1933, aber auch in die Nachkriegszeit nach 1945 reicht. Die Ankündigung der Lippischen Rundschau zeigt, dass es auch in Lemgo nach 1945 eine Bücherverbrennung gab, wenn auch nicht aus politischen Gründen.

Mit dem Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften vom 9. Juni 1953 wurde in der jungen Bundesrepublik eine gesetzliche Grundlage für das Verkaufsverbot jugendgefährdender Schriften an Jugendliche unter 18 Jahren geschaffen. Mit der Durchführung des Gesetzes wurde die neu gebildete Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften beauftragt, die eine entsprechende Liste der für den Verkauf nicht zugelassenen Schriften führte. Dazu zählten vor allem "unsittliche, sowie Verbrechen, Krieg und Rassenhaß verherrlichende Schriften". Zu den Schriften zählten auch Abbildungen. Diese Definition ließ einen gewissen Ermessensspielraum zu. Neben pornografischen Schriften waren aber vor allem sog. Groschenhefte, Comics und Wildwest-Heftchen Medien, gegen die kirchliche und konservative Kreise regelrecht zu Felde zogen, aber auch unterstützt durch Verwaltung und Polizei.

Bereits durch Runderlaß des NRW-Innenministers vom 25.01.1952 wurden die nachgeordneten Verwaltungs- und Polizeieinrichtungen angewiesen, diejenigen Personen, die unzüchtige Schriften, Abbildungen, Darstellungen usw. herstellen, einführen oder damit Handel treiben, zu ermitteln. Im besonderen Fokus standen dabei die Kioske und Zeitungsstände.

In Lemgo gab es aber bis auf einen Fall (eine Schrift mit "Darstellung nackter Frauengestalten") keine Beschlagnahmungen oder sonstige Beanstandungen trotz regelmäßiger Überprüfungen. Auch die Lemgoer Buchhändler würden es ablehnen, "ihr Ansehen und ihr Geschäft durch den Verkauf von Schund- und Schmutzliteratur in Verruf zu bringen." Das städtische Ordnungsamt merkte jedoch an, dass das Hauptproblem darin bestehen würde, "[...] daß es keinen einheitlichen Begriff gibt, was nun als Schund- und Schmutzliteratur anzusehen ist.". Im Februar 1953 schlug das Ordnungsamt - als Maßnahme zur Hilfestellung für die Kriminalpolizei - vor, die Lehrer in allen Schulen zu verpflichten, die Schultaschen der Schüler unvermutet auf Schund- und Schmutzliteratur zu überprüfen und über einen Verbindungsmann sofort an die Kriminalpolizei weiterzuleiten. Einzelheiten sollten im städtischen Jugendausschuß besprochen werden  Dieser Vorschlag war aber zunächst als Zwischenlösung bis zum Abschluss des zu erwarteten Gesetzes gedacht. Zu einer solchen Regelung oder Besprechung im Jugendausschuß ist es dann nicht mehr gekommen, da das Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften bereits im Juni 1953 erlassen wurde.

Die Vorstellungen der Lemgoer Ordnungsbehörde gingen also ursprünglich deutlich über die späteren, tatsächlichen Bestimmungen des Gesetzes hinaus. Im Oktober 1955 erhielten die kommerziellen Leihbüchereien in Lemgo (Klarholz, Gerhard Rieck, Otto Liesegang, Heinrich Schmuck und Gerhard Vossen) die Mitteilung, über welche Bezugsstelle sie ein Verzeichnis unzüchtiger und jugendgefährdender Schriften erhalten können, um diese aus ihrem Bestand auszusortieren. Diese Leihbüchereien waren für den Vertrieb der Groschenhefte und anderer "Schmöker" in den 50er Jahren bedeutsam, so dass man wohl bestrebt war, auch diese möglichen Verteilungsstellen auszuschalten. Ein besonderer Nachdruck bei der Verfolgung der "Schmutz- und Schundliteratur" war hier aber nicht mehr festzustellen.

Die Initiative zur Aktion vom 31. Oktober 1953 ging anscheinend auf einen Aufruf des damaligen CVJM Lippe zurück. Die Wahl des Reformationstages wird sicherlich auch kein Zufall gewesen sein. Ob man damit an die Verbrennung theologischer Schriften und der päpstlichen Bannandrohungsbulle durch Martin Luther (am 10. Dezember 1520) indirekt anküpfen wollte, bleibt jedoch offen. Laut der Lippischen Rundschau wurden im Vorfeld 3000 Schundhefte gesammelt und 300 Jungen nahmen mit Fackeln in Lemgo teil. Das auch in vielen anderen Orten übliche Eintauschen von "Schundliteratur" gegen "gute Literatur" gab es auch in Lemgo. Dadurch alleine seien 1100 Hefte zusammengekommen.

Neben den männlichen Jugendlichen nahmen der Posaunenchor als musikalische Umrahmung und Vertreter des Regierungspräsidenten bzw. des Kreises und der Stadt Lemgo teil. Am nächsten Tag folgte eine Werbefahrt der Jungen auf Fahrrädern zum Lemgoer Marktplatz, wieder mit Ansprachen und anschließend wurden zahlreiche Luftballone losgelassen, an denen jeweils eine Karte mit folgendem Inhalt hing: "Wir Jungscharen des Lipperlandes grüßen unsere Freunde und Kameraden und rufen Euch auf, mit uns gegen Schund und Schmutz in Wort und Bild zu kämpfen!".

Fotoaufnahmen zu den Ereignissen am 31.10. bzw. 01.11.1953 gibt es nicht. Lediglich der Ballontag des CVJM Lemgo aus dem Jahre 1951 ist im Fotoarchiv Hermann Walzer dokumentiert. Die nächtliche Bücherverbrennung war vermutlich fototechnisch nur schwer zu bewerkstelligen und ist deswegen unterblieben.

Die deutliche Unterstützung der gesamten Aktion durch die Lippische Rundschau fand zumindest in der Freien Presse vom 31.10.1953 (siehe Foto) einen deutlichen Kritikpunkt. Hier wurde indirekt mit Hinweis auf die Bücherverbrennung 1933 eine gewisse Geschichtsvergessenheit bemängelt und vor den Folgen einer solchen Haltung gewarnt. Nachfolgeaktionen in vergleichbarer Art gab es in Lemgo anscheinend nicht...

Warum Lemgo als Ort für diese Kampagne ausgewählt wurde, ist unklar. Der Hinweis auf diese Aktion entstammt einem kurzen Eintrag in der Stadtchronik Karl Meiers, die gerade für eine Veröffentlichung für das Internet vorbereitet wird.

Vgl. zum Thema auch den Beitrag im Archivamtblog über eine Ausstellung jugendgefährdender Schriften am 9. Mai 1969 im Landeshaus des LWL in Münster.


Archivpädagogik im Stadtarchiv Lemgo zum Thema „Gastarbeiter“ – ein Beitrag zu Diversität und Inklusion anlässlich der diesjährigen International Archives Week

Ein Schwerpunkt der vom ICA (International Council of Archives) veranstalteten International Archives Week 2021 vom 7. bis 11. Juni sind die Aspekte Diversität und Inklusion, d. h. wie kann man auch Minderheiten und eher unterrepräsentierte Gruppen bei der archivischen Arbeit (u. a. bei der Auswahl der dauerhaft aufbewahrungswürdigen Unterlagen oder in der Öffentlichkeits- und Vermittlungsarbeit) berücksichtigen.

Auf diesem Feld steht das Stadtarchiv sicherlich noch am Anfang, aber im Rahmen der Archivpädagogik bieten wir seit einiger Zeit auch ein Modul für weiterführende Schulen zum Thema der sog. Gastarbeiter ab den 1960er Jahren an.

In der örtlichen Möbel- und holzverarbeitenden Industrie waren zunächst vor allem griechische und italienische, später dann auch zunehmend türkischstämmige und jugoslawische Arbeitnehmer beschäftigt. Ab dem Anwerbestopp 1973 wurden diese Gruppen in der Bevölkerung, Presse, Verwaltung und Politik zunehmend  kritisch gesehen und tauchten so als Fälle oder als zunehmendes Problem in den Unterlagen des Sozialamtes bzw. der örtlichen Schulen wegen fehlender oder mangelnder Sprachkenntnisse auf. Die Tätigkeit des türkischen Arbeitervereins als eine Form der Selbstorganisation der „Gastarbeiter“ in Lemgo spiegelt sich deswegen v. a. in den Akten des Sozialamtes wieder. 1981 bildete sich dann auf Ebene der politischen Gremien ein nur aus Deutschen bestehender Arbeitskreis Ausländer und 1985 ein Ausländer-Beirat, der die Zusammenarbeit mit den nun zunehmend als Migranten wahrgenommenen Gruppen suchen sollte. Bereits 1970 hat sich in Lemgo ein Fest der Nationen entwickelt, das bald als Prüfstein für ein erfolgreiches oder eben nicht erfolgreiches Miteinander in Lemgo empfunden wurde.

Innerhalb des archivpädagogischen Moduls werden die Schülerinnen und Schüler zunächst mit unterschiedlichen Unterlagen und Materialen zum Thema „Gastarbeiter“ im Original aus den Beständen des Stadtarchivs konfrontiert, u. a. Akten des Sozialamtes, ein Protokollband des Ausländerbeirates, Zeitungsausschnitte, Schulunterlagen zum muttersprachlichen Unterricht, ein Schüleraustauch mit der Stadt Bursa in der Türkei und Unterlagen des türkischen Arbeitervereins. Daneben finden die Schülerinnen und Schüler auch einen Band der städtischen Hausblätter. Die Serie der Hausblätter erfassen - nach Straßen und Hausnummern geordnet - alle gemeldeten Personen in Lemgo zwischen 1914 und 1964. Unter den Firmenadressen können die Schülerinnen und Schüler dann erkennen, dass die „Gastarbeiter“ ab 1963 genauso wie die Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges auf dem Betriebsgelände des Unternehmens, bei dem sie eingesetzt waren, auch wohnten, vermutlich sogar in den selben Unterkünften…

In einem nächsten Schritt setzen sie sich inhaltlich-kritisch mit den Darstellungen der „Gastarbeiter“ in zwei Presseberichten (1963 und 1978) auseinander. Eine weitere Gruppe analysiert zwei Darstellungen zur „Ausländerarbeit“ in Lemgo, einmal aus Sicht der Verwaltung und einmal als politische Äußerung. Für fortgeschrittene Schülergruppen gibt es noch Zusatzmaterial in Form von Presseberichten und Meinungen zu in türkischer Sprache verfassten politischen Parolen an Lemgoer Häuserwänden 1978, die als Reaktionen zu innerpolitischen Auseinandersetzungen in der Türkei (Militärputsch) zu verstehen sind. 

Hier bieten sich dann neben der Diskussion der Analyseergebnisse mit den Schülerinnen und Schülern auch Anknüpfungspunkte an die Gegenwart an.

Bei Interesse an der Durchführung dieses Moduls durch Schulen können sich die Lehrkräfte gerne beim Stadtarchiv melden.


Schmähbrief aus dem Stadtarchiv Lemgo in der Sonderausstellung "Fake for Real" im Haus der Europäischen Geschichte

In der aktuellen Sonderausstellung "Fake for Real - Eine Geschichte der Fälschungen" im Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel befinden sich als Leihgabe Schriftstücke aus der Prozessakte wegen Verleumdung und Diffamierung (Verbalinjurien) gegen den Lemgoer Ratsapotheker David Welman (Stadtarchiv Lemgo A 4694). Dabei handelt es sich um sog. Schmähbriefe oder Schmähschriften. Schmähbriefe (Pasquillen) dienten in der Vergangenheit der Verunglimpfung und Herabwürdigung eines Gegners aus unterschiedlichen Motiven. Abweichend vom Fall Jan Böhmermann sind die Verfasser der Schmähbriefe zumeist anonym und bedienen sich dieser Form auch, um eine höhergestellte oder mächtigere Persönlichkeit kritisieren, diffamieren oder lächerlich machen zu können, ohne sich selbst zu gefährden.

Auch im Stadtarchiv Lemgo haben sich durchaus Fälle solcher Pasquillen und Schmähbriefe erhalten. Ein recht prominenter Fall ist der des Lemgoer Ratsapothekers David Welman (1595 – 1669)  aus dem 17. Jahrhundert, der insbesondere wegen der Werwolf-Vorwürfe eine gewisse Berühmtheit erlangte. Den gesamten Fall können Sie hier in einem Vortragsmanuskript (PDF-Datei) nachlesen.

Der Apotheker Welman war in Lemgo aus verschiedenen Gründen mit einzelnen Lemgoer Bürgern und Bürgerinnen in Konflikt geraten. Zwischen März und Oktober 1642 tauchten dann in der Stadt an prominenten und öffentlichen Orten angeheftete Zettel mit Schmähbriefen gegen den Ratsapotheker auf. In den Texten wurde Welman mit zahlreichen Beleidigungen und Schimpfworten belegt, u. a. auch als Werwolf, Hexenmeister, Teufel usw. Damit war die Ehre des Geschmähten in Gefahr geraten. In der Frühen Neuzeit war Ehre eine Form des sozialen Kapitals, das man vermehren und vermindern konnte. Ehre bestimmte nicht zuletzt auch die eigene Position innerhalb einer Gesellschaft. Wehrte man sich nicht gegen solche Herabwürdigungen, galten die geäußerten Vorwürfe als glaubhaft. Welman musste also handeln, was bei anonymen Flugschriften schwierig ist. Sein Verdacht richtete sich gegen die Lemgoer Familie der Plattenschläger, insbesondere gegen Gottschalk Plattenschläger, gegen den er einen Prozess in Gang setzte, der ohne ein endgültiges Urteil ausging.

Die zugehörigen Prozessakten haben sich im Stadtarchiv erhalten und umfassen mehrere Bände (StaL A 4694 – A 4701). Zeugenaussagen wurden protokolliert, die die Autorenschaft der Plattenschlägers belegen sollten. Teil der Prozessakten wurden auch die angehefteten 35 Pasquillen, die lose beigefügt und in einem fortlaufenden Text durchnummeriert abgeschrieben wurden. Damit ist ein umfangreicher Bestand an Schmähtexten erhalten, der die ganze Bandbreite an Beleidigungen, Unterstellungen und Beschimpfungen der damaligen Zeit enthält. Neben den Textpassagen wurden auch kleine Zeichnungen beigefügt, vor allem Welman als Werwolf oder mit einem wolfartigen Tier.

Warum die Pasquille mit der Originalzeichnung Welmans als Werwolf, der aus dem Schornstein der Ratsapotheke hinausfliegt, nicht mehr vorhanden ist und was das mit der NS-Zeit zu tun hat, können Sie auch hier erfahren.

Dr. Gerd Schwerhoff, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der TU Dresden, fasst diese Form der herabsetzenden Kommunikation in seinem wissenschaftlichen Blog unter dem Forschungsbegriff "Invektivität" zusammen. Im gleichnamigen Sonderforschungsbereich an der TU Dresden werden interdisziplinär die verschiedenen Erscheinungsformen von invektivem Verhalten in Vergangenheit und Gegenwart untersucht. 

Die Sonderausstellung im Haus der Europäischen Geschichte  ist aktuell noch bis Oktober 2021 zu sehen und wird vermutlich noch bis Anfang 2022 verlängert.


Der Pfingstgraben – ein künstlicher Wasserlauf zwischen Schloss Brake und Lemgo

Am nordöstlichen Rand des Parkplatzes Bleiche in der Nähe des Regenstorplatzes sieht man einen kleinen Bach, der durch die Öffnung unterhalb der Bastion in den innerstädtischen Bereich fließt. Seinen Ursprung hat er beim Schloss Brake, als Abfluss des Mühlenstaus, ursprünglich in der Nähe der Ölmühle am Schloss angelegt. Sein Verlauf ist inzwischen größtenteils oberirdisch bis auf das Gelände des heutigen Eau-Le; dort ist der Verlauf unterirdisch. 

Es handelt sich dabei um ein künstlich angelegtes Gewässer, einen Kanal, der zum einen den südlichen Stadtgraben Lemgos mit Wasser befüllte, zum anderen auch die heute nicht mehr bestehende St.-Johannis-Mühle am westlichen Ende der Mittelstraße mit Wasserkraft versorgte. Deswegen sind für dieses Gewässer in den Quellen auch die Bezeichnungen “Mühlengraben“ oder „Alter Fluss“ geläufig. Genauso häufig wird er auch einfach nur „Graben“ genannt. Der älteste, urkundliche Hinweis stammt aus dem Jahr 1323. In diesem Jahr verkaufte Simon I. den Graben (fossam nostram aqueam), der die Mauern und Wälle der Lemgoer Neustadt einschloss, den dortigen Bürgern zur dauerhaften Nutznießung.

Es ist also davon auszugehen, dass dieser Graben oder Kanal bei der mittelalterlichen Stadtanlage Lemgos bereits mitgeplant und angelegt wurde. Durch die Sanierungsmaßnahmen des Vereins Alt Lemgo Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre an der Bastion des sog. Kramer-Rondells mit der teilweisen Wiederherstellung von Stadtmauer, innerem und äußerem Graben, Turm und Wallanlage konnte der Graben in seiner eigentlichen Funktion und ursprünglichem Verlauf wieder sichtbar gemacht werden.

Der Name „Pfingstgraben“ soll sich daher ableiten, dass er um Pfingsten alljährlich instand gesetzt, also ausgeschlagen wurde. Diese in der Literatur wiederkehrende Wortherleitung ist allerdings quellenmäßig bisher nicht belegt. Heinz Sauer erwähnt in seiner 2002 erschienenen Dissertation über die Baugeschichte des Schlosses Brake keinen Quellenbeleg für einen „Pfingstgraben“, obwohl er die einschlägigen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen umfangreich ausgewertet hat. Das jährliche Ausschlagen, d. h. Ausheben und Reinigen des Bachbettes, ist jedoch belegt und auch für andere Bäche, Flüsse und Gräben vollkommen üblich. Häufig wurde dies von den Anliegern im Rahmen der feudalen Hand- und Spanndienste zwangsweise ausgeführt. In den lippischen Flurkarten aus dem späten 19. Jhd. wird das Gewässer bereits als „Pfingstgraben“ bezeichnet. Ernst Weißbrodt nennt in seiner in der Lippischen Post 1937/38 veröffentlichten Serie über Lemgoer Flurnamen zwar den „Alten Fluß“, aber keinen „Pfingstgraben“, obwohl er in den amtlichen Dokumenten in den 30er Jahren durchaus so genannt wurde.

Die Frage ist also am Ende, wie alt oder historisch der Name „Pfingstgraben“ tatsächlich ist und ob zum bevorstehenden Pfingstfest am Sonntag tatsächlich eine alte Tradition zu erinnern wäre…


Zoom-Vortrag vom 08.05.2021 über Harald Deilmann inzwischen online auf Youtube

Der Vortrag vom 08. Mai 2021 am Tag der Städtebauförderung von Stefan Rethfeld über den Architekten und Städteplaner Harald Deilmann ist inzwischen auf Youtube online gestellt.


Warum es eine Geschwister-Scholl-Straße in Lemgo gibt (oder beinahe nicht gegeben hätte)... Eine Begebenheit aus der Nachkriegszeit

Am vergangenen Sonntag wurde an den Geburtstag von Sophie Scholl vor 100 Jahren am 09. Mai 1921 erinnert. Sie, ihr Bruder Hans Scholl und weitere Sympathisanten der "Weißen Rose" gelten heute als Symbolfiguren eines idealistischen, jugendlichen Widerstandes gegen Adolf Hitler, den Nationalsozialismus und nicht zuletzt gegen den Zweiten Weltkrieg. Zahlreiche Straßen, Plätze und Schulen in der BRD sind inzwischen nach ihnen benannt.  So gibt es auch in Lemgo eine Geschwister-Scholl-Straße, die ihre Existenz einer "Entschließung des Bürgermeisters" in Lemgo vom 9. Mai 1945 zu verdanken hat, also bereits einen Tag nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht. 1945 war Clemens Becker der von den Alliierten eingesetzte Lemgoer Bürgermeister, der sich anscheinend für diese Umbenennung stark gemacht hatte und ihr mutiges Handeln für erinnerungswürdig hielt. Einen Lemgoer Rat oder entsprechende Ausschüsse waren im Mai 1945 noch nicht wieder eingerichtet, so dass ein solcher "Alleingang" des Bürgermeisters möglich und rechtmäßig war.

Im Zuge dieser Entschließung wurden Straßennamen aus der NS-Zeit wie die 1935 nach Hitler und Hindenburg benannten Wälle nach den "Männern des 20. Juli", also Widerstand leistenden Offizieren der Wehrmacht, umbenannt. So sollte es einen von Witzleben und von Stauffenberg-Wall geben. "Ferner sind vor ca. Jahresfrist die Stud. Geschwister Scholl, die eine Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus aufgezogen hatten, Opfer des Naziterrors geworden." Offensichtlich verfügte man in Lemgo noch nicht über verlässliche Informationen zu den näheren Umständen des Todes der Geschwister Scholl, die bereits am 22.02.1943, also deutlich mehr als vor Jahresfrist, hingerichtet worden waren. Vorgesehen für die Benennung nach den Geschwistern Scholl war die seit dem März 1938 bestehende Braunauer Straße am Lüttfeld. 1938 hatte man in Lemgo, nach dem sog. Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, diese Straße nach dem Geburtsort Adolf Hitlers (Braunau am Inn in Österreich) benannt. Gleichzeitig wurde der Name der Regenstorstraße in Donaustraße geändert.

Die Entscheidung Clemens Beckers im Mai '45 geriet aber im Sommer 1947 nachträglich in die Kritik. Äußerer und formaler Auslöser war ein Erlass des Innenminsters von NRW vom 6.11.1946, der die Kommunen aufforderte, Straßen und Plätze umzubenennen, die noch die Namen deutscher "Militaristen" trügen. Der Lemgoer Hauptausschuss beschloss daraufhin, dass die nach Staufenberg und von Witzleben benannten Wallabschnitte andere Namen erhalten sollten, da es sich ja bei beiden Offizieren um Angehörige der Wehrmacht und damit um Militaristen handelte. Dem Hauptausschuss lag aber bereits zu dem Zeitpunkt der Sitzung das Ergebnis einer Besprechung der Stadtdirektoren im Kreis Lemgo vor, die einhellig der Auffassung waren, dass diejenigen Offiziere der "Hitler-Armee", die sich politisch gegen das Nazi-Regime gestellt und Widerstand geleistet hätten, nicht als Militaristen im Sinne des Innenminister-Erlasses zu sehen sein".

Die Mitglieder des Hauptausschusses hatten sich folglich gegen die Auffassung des Lemgoer Stadtdirektors Sethe positioniert und eine sehr eigenwillige Interpretation des Erlasses durchgesetzt. Erstaunlich und ohne Begründung sollte nun auch die Geschwister-Scholl-Straße "anders benannt werden", obwohl es sich hier zumindest bei Sophie Scholl nicht um Angehörige der Wehrmacht handelte.  Später regte das Rats- und Ausschussmitglied der SPD Fritz Grabbe an, die Geschwister-Scholl-Straße nach dem SPD-Reichspräsidenten der Weimarer Republik Friedrich Ebert zu benennen. "Die Beschlussfassung über diesen Antrag wurde auf eine spätere Sitzung verschoben". Ein entsprechender Beschluss dazu erfolgte aber anscheinend nicht mehr, so dass die Straße ihren Namen vom 9. Mai 1945 bis heute beibehielt.

Über die Gründe, warum man 1947 eigentlich keine Straßen oder Wälle nach Angehörigen des Widerstandes gegen das NS-Regime haben wollte, kann man nur spekulieren. In den ersten Jahren nach Kriegsende galten diese Personen, auch gerne als "Verschwörer" bezeichnet, in den rechts-konservativen Kreisen noch als Landesverräter, die sich gegen ihr Volk gewandt und ihren Eid gegenüber Führer und Vaterland verraten hätten. Die Unrechtsurteile der NS-Justiz bzw. Militärjustiz wurden unkritisch übernommen. Damit waren auch Hans und Sophie Scholl Verräter und Verbrecher, ohne dass man die Umstände und Hintergründe ihres Handelns berücksichtigt hätte. Der Alternativvorschlag, die Straße nach Friedrich Ebert zu benennen, war aber vermutlich den Konservativen doch zu stark SPD-lastig, so dass vermutlich die ursprüngliche Bezeichnung beibehalten wurde. Besser die parteipolitisch neutralen Geschwister Scholl, wenn auch Landesverräter, als die Galionsfigur der SPD aus der Weimarer Republik...


Der 1. Mai-Feiertag in Lemgo oder die (versuchte) Erfindung einer Tradition vor 85 Jahren

Aufgrund der aktuellen Pandemie-Lage wird der Internationale Tag der Arbeit am 1. Mai 2021 nicht wie üblich mit Veranstaltungen und Kundgebungen vor Ort stattfinden. Die Entstehungsgeschichte dieses Feiertages ist hinlänglich bekannt – erstmals unter den Nationalsozialisten 1933 zum nationalen Feiertag erklärt und während des Dritten Reiches als Propagandaveranstaltung der „Volksgemeinschaft“ (natürlich unter Ausschluss aller Gruppen, die nicht dazu zählten) missbraucht. Perfiderweise wurden ja am 2. Mai 1933 die Gewerkschaftshäuser gewaltsam besetzt und damit für jeden sichtbar eine unabhängige Arbeiterorganisation zerschlagen. Fortan wurde dieser Tag für die NS-„Gemeinschaftspflege“ vereinnahmt. Davon zeugen auch zahlreiche Fotoaufnahmen in den Beständen des Stadtarchivs Lemgo aus den 1930er Jahren, die die zum Teil sehr aufwendig gestalteten Umzüge der Betriebsgruppen mit Motivwagen, fahnengeschmückte Aufmärsche und das Begleitprogramm zeigen (siehe weiter unten). Darunter befindet sich auch die nebenstehende Aufnahme des Marktplatzes vor dem Ballhaus. Prominent in Szene gesetzt: ein Maibaum. An der höchsten Stelle das Hakenkreuz und etwas weiter darunter das Emblem der Deutschen Arbeitsfront (DAF), die maßgeblich bei Organisation und Vorbereitung beteiligt war. Wenn man allerdings genauer hinsieht, erkennt man Schilde mit Symbolen der verschiedenen Berufszweige. So ließe sich dieses Gebilde auch als sog. Zunftbaum deuten, der aus anderen Gegenden, aber auch aus Lippe durchaus noch bekannt ist und die Wappen der ehemaligen Zünfte vor Ort präsentierte.

Bemerkenswert ist, dass die Aufrichtung von Maibäumen, abgesehen von anderen Maibräuchen, bis dahin nicht zum hergebrachten lippischen Brauchtumsbestand zählte und im heutigen Kreisgebiet fast unbekannt war. Erst für 1936 lässt sich die Errichtung des Maibaumes für Lemgo nachweisen, außerdem die Wahl einer Maikönigin und die Fertigung eines Festwagens für die Maikönigin. Man kann hier also durchaus von einer teilweise erfundenen Tradition durch die Nationalsozialisten sprechen. Darin kommt auch der Wille zu einer reichsweiten Vereinheitlichung der Traditionsbildung zum Ausdruck, der auf lokale und regionale Besonderheiten keine Rücksicht nahm. Natur- und Heimatverbundenheit im nationalen Sinne sollten dadurch gestärkt werden.

Die Aufnahme scheint ursprünglich aus dem Lemgoer Fotografenhaus Fritz Ohle in der Haferstraße zu stammen. Eine Datierung ist nicht vorhanden, aber das Banner über dem Eingang zum Ballhaus „…Dankopfer dem Führer“ nimmt sicherlich Bezug zur SA-Aktion „Dankopfer der Nation“, die am 20. April 1936 (am Geburtstag Adolf Hitlers) durch den SA-Stabschef Viktor Lutze ins Leben gerufen wurde und zu Geldspenden für den „Führer“ zur „Schaffung neuer großer Kulturwerte“ aufrief. Aktionszeitraum war zumeist zwischen Mitte April und Mitte Mai. Die Lemgoer haben daraus anscheinend direkt eine Spende für den „Führer“ gemacht…Die Aufnahme könnte also 1936 oder zumindest danach entstanden sein.  Ob nachfolgend jedes Jahr ein solcher Mai- oder Zunftbaum aufgestellt wurde, ist nicht gesichert.

Am 1. Mai 1946 wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges erstmals wieder ein „Tag der Arbeit“ durch den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund in Lemgo organisiert, der sich aber (zumindest bis 1948) mit einem „marschierenden“ Festumzug durch die Stadt noch deutlich am Ablauf aus der Zeit vor 1945 orientierte. Ab 1948 fiel der Festumzug ersatzlos fort. Ein Maibaum wurde nach 1945 bei den Maifeierlichkeiten in Lemgo nicht mehr erwähnt; die Traditionserfindung hatte sich letztlich wohl doch nicht durchgesetzt…



Sammelaufruf von Stadtarchiv und Städtischen Museen zur Dokumentation der Corona-Auswirkungen

Geschlossene Geschäfte und Schulen, Home-Office, Abstand halten, Schutzmasken tragen, Solidarität, Zukunftssorgen… Die Auswirkungen der Corona-Pandemie betreffen uns alle, verändern unseren privaten und beruflichen Alltag. Doch was wird davon in Erinnerung bleiben? Um diese Auswirkungen zu dokumentieren und dauerhaft zu erhalten, möchten das Stadtarchiv und die Städtischen Museen Lemgo gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern sammeln.

Wir sammeln beispielsweise Texte (Ihre persönliche Corona-Geschichte, Tagebucheinträge, Notizen…), Audiovisuelle Aufzeichnungen (Ihr durch Corona veränderter Alltag in der Familie, Verein oder Firma), Fotos (Beobachtungen, die sie überrascht, erstaunt oder schockiert haben) und Gegenstände, die sie mit der Krise verbinden oder die in dieser Zeit eine besondere Bedeutung für Sie erlangt haben. Auch Plakate und Bekanntmachungen sollten Sie nach Ende der Krise nicht einfach wegwerfen, sondern uns zukommen lassen. Aufgerufen sind alle Lemgoer/innen, aber auch die privaten Initiativen, Vereine, Unternehmen und sonstigen Gruppen in unserer Stadt.

Hier geht es zu den weiteren Informationen...


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